Sunday, June 19, 2016

TWEETOPIA @ Galerie Marek Kralewski in Freiburg, Germany 06.18 -07.24.2016 with a catalogue text by Hans Dieter Fronz





Um Kopf und Kragen



Der Zeichner, Twitterer und Universalkünstler Jürgen Trautwein

Jürgen Trautwein ist Medienkünstler - auch und unter anderem, das Etikett bezeichnet lediglich eine von zahlreichen Facetten seiner künstlerischen Arbeit. Vielseitigkeit ist ihr hervorstechendes Merkmal. In Personalunion ist Trautwein Maler und Zeichner, Land Art-, Foto- und Installationskünstler. Ja, in seinem umfangreichen Œuvre ist selbst Platz für Kunstformen wie Soundkunst und Performance. Konzeptkünstler ist er zu alledem in einem grundsätzlichen Sinn. Mit diesem breiten Spektrum an künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten unterscheidet sich Trautwein grundlegend vom typischen Medienkünstler, der ausschließlich auf dem Feld elektronischer Medien unterwegs ist und das traditionelle „Handwerk“ des Künstlers nicht beherrscht.

Trautwein hingegen kann, was Ausbildung und künstlerische Praxis angeht, geradezu das klassische Curriculum Artis vorweisen. Der im badischen Bruchsal geborene und aufgewachsene Künstler besuchte nach zwei Jahren an der Siemens-Stammhaus Schule in München die Kunstschule Rödel in Mannheim, ehe er sich an der Hochschule der Künste in Berlin einschrieb und von Mitte der Achtzigerjahre an Malerei studierte. Sein Studium beendete er als Meisterschüler von Bernd Koberling – was, auch wenn Trautwein zunächst figürlich und gegenständlich malte, unter dem Aspekt stimmig erscheint, dass seine Malerei je schon ein starkes Moment von Expressivität aufwies. Seit dem Expressionismus ist Ausdruck in der Kunst auch und zum guten Teil der von Leiden; bei Trautwein trat dieser enge Konnex in der Praxis des Malens selbst zutage, wenn ihm, wie er gesprächsweise beiläufig wortspielerisch einfließen lässt, Malerei bis vor einiger Zeit in einem gegen den Strich gebürsteten Buchstabensinn des englischen Begriffs stets auch so etwas wie Painting war. Mittlerweile hat seine Bildkunst vornehmlich politische Inhalte. Oder sie überschreitet, wie in der Serie „Topography“, die Grenze zur Abstraktion, zeigt Affinität zum Informel. Die „Freiheit der Form“, von der Trautwein im Hinblick auf die Serie spricht, der Einsatz von Aleatorik auch sind wichtige emanzipatorische Schritte in Richtung Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft seiner figürlich-gegenständlichen, eine apolitische Peinture pure zelebrierenden Anfänge.

Liegen Trautweins Wurzeln unter anderem im Minimalismus und Konzeptualismus, so sind seine Werke stets zugleich „manifestations of the immediate, everyday and present experience“, wie seine englischsprachige Homepage formuliert. Als Kunstgattung, die bei ihm am direktesten mit dem Alltag verbunden ist, erweist sich die Zeichnung. Nicht nur die geradezu überbordende Fülle seiner an Tomi Ungerers frechem Strich geschulten, den elsässischen Lehrmeister in Sachen Hintergründigkeit und Sarkasmus bisweilen noch überbietenden Zeichnungen bezeugt diesen Zusammenhang, Beleg dafür, dass die Devise jedes leidenschaftlichen Zeichners - „nulla dies sine linea“ - auch für Trautwein Gültigkeit besitzt. Vielmehr spannen die mitten in die Absurditäten des modernen Daseins hineingreifenden Sujets der Blätter den Bogen zum Alltag inhaltlich. Ein Großteil der Zeichnungen wäre als Ansammlung existentieller Comics über die Condition humaine unter den Bedingungen des globalisierten Kapitalismus nicht schlecht charakterisiert.

Zeichner ist Trautwein auch in einigen Landart-Projekten, ob im Kraichgau oder im amerikanischen Westen. In „On Old Path – Shoshone Trail, Furnace creek, Death Valley“ (2014) übersetzte er alte Indianerpfade in der Landschaft in kurvenreiche Linien aus weißen, aneinander gereihten DIN A4-Blättern; erwähnenswert in diesem Zusammenhang auch seine Installationen mit Zeichenpapier, die er beispielsweise in seinem Atelier in San Francisco realisierte, wo er seit Jahrzehnten im Wechsel mit Deutschland - dem Geburtsort Bruchsal - lebt. Zeichner ist Trautwein nicht zuletzt auch in seinem Netzkunst-Projekt „Tweetopia“, das er 2016 in einer raumspezifischen Multimediainstallation in der Freiburger Galerie Marek Kralewski erstmals in Deutschland präsentierte. Es ist Teil des vor eineinhalb Jahrzehnten begonnenen, in den unterschiedlichsten Medien sich realisierenden Langzeitprojekts „NIESATT“ (dessen anagrammatisch an ‚Dasein’ anklingender Titel die existentielle, aufs wirkliche Leben zielende Dimension seiner Kunst akzentuiert). Seit 2009 arbeitet er an „Tweetopia“. Grundlage und Ausgangspunkt der Freiburger Installation war sein im selben Jahr begonnener visueller Twitter-Blog @jtwinedotcom - visuell, weil in dem „abstrakten Zeichenprojekt“ (Trautwein) grafische an die Stelle sprachlicher Botschaften treten. Die maximal 140 Zeichen für ein Tweet sind bei Trautwein keine Buchstaben oder Satzzeichen, sondern dem ASC-II-Code entlehnte schwarze Rechtecke und weiße Leerzeichen.

Mit Hilfe des binären Codes lässt sich eine gegen Unendlich strebende Vielfalt grafischer Möglichkeiten generieren. Analog zur Devise des Zeichners stellt Trautwein täglich meist mehrere Tweets ins Netz. Es sind, selbst wenn man sich zeitlich auf die letzten Monate beschränkt, ganz unterschiedliche, zum nicht unwesentlichen Teil animierte grafische Kompositionen. In einer Reihe von Tweets dieses Zeitraums herrscht strenge Achsensymmetrie. Da queren beispielsweise weiße „Linien“ aus aneinander gefügten Leerzeichen den ansonsten schwarzen, quadratischen, man ist versucht zu sagen: Bildraum in vertikaler Richtung symmetrisch zur Mittelachse (6. Mai 2016 ff.). Abweichend davon erscheint in einem Tweet die einzige weiße, vertikale „Linie“ von der Mitte nach rechts versetzt (27. Mai 2016). Häufig bearbeitet und animiert Trautwein die Tweets mit speziellen Programmen. Einer vom 11. Mai lässt drei oder vier „Grafiken“ in schnellem Wechsel aufeinander folgen; ein anderer vom selben Tag zeigt auch farbige Elemente; ein weiterer zwei Tage später entfaltet ein Blitzlichtgewitter aus mehreren rasch aufeinander folgenden Kompositionen. Am 14. Mai wechseln sich in rascher Folge ein vertikaler und ein horizontaler schwarzer Balken auf weißem Grund ab, was Reminiszenzen an einleitende Sequenzen früher Filme wachruft. Im Ganzen erscheint der Blog als faszinierendes Glasperlenspiel grafischer Möglichkeiten, dessen unbewusster „Quellcode“ womöglich Malewitschs schwarzes Quadrat ist, an dem sich einzelne Tweets mit dominierender schwarzer Bildfläche zu orientieren scheinen (vgl. etwa einzelne Stücke vom 30.4. bis 6.5.2016). Ohne Berührungsängste, ja mit Wohlgefallen nimmt Trautwein diese Überlegung oder auch den Hinweis auf die optische Nähe mancher Tweet zur konkreten Kunst zur Kenntnis.

Die Ausstellung in Freiburg präsentierte Computerinstallationen und digitale Projektionen, Screenshots und eine Tweets-Slideshow; dazu Fotoaufnahmen von durch Störprogramme transformierten, so genannten glitched Tweets sowie Wandinstallationen mit schwarzen und weißen DIN A4-Blättern als analoge Übersetzung einzelner Tweets. In einer interaktiven „Tweetopia“-Animation ließ Trautwein eine zeitliche Abfolge formalisierter Tweets in unterschiedlichen Geschwindigkeiten vor dem Auge des Betrachter vorüberziehen - eine Meditation über Zeit (und also Vergänglichkeit), angesiedelt irgendwo zwischen On Kawara und Hanne Darboven. Als sich fortschreibende Geschichte wohnt „Tweetopia“ selbst eine zeitliche Dimension inne.

Ist Trautweins Micro-Blog ein Hymnus auf die unbegrenzten Möglichkeiten digitaler Kommunikation? Eher nicht. Das Projekt versteht sich auch als kritische Reflexion über die endlosen Daten- und Nachrichtenströme in Social Media wie auch in klassischen Medien, deren unablässiges Rauschen jedweden Inhalt, noch bevor er im gefräßigen Maul des Schwarzen Lochs digitaler Kommunikation verschwindet, entwertet. Trautwein erkennt durchaus die emanzipatorischen Möglichkeiten eines relativ jungen Mediums wie Twitter; doch er ist nicht blind für seine Risiken. Die rebellierende Jugend des arabischen Frühlings traf ihre Absprachen auch über Twitter, doch Trautwein weiß, dass einer der passioniertesten Twitterer überhaupt Donald Trumpp ist. Als neutrale Plattform ist das Medium für jedwede politische Absicht instrumentalisierbar.

Und gleich anderen sozialen Netzwerken im Internet birgt es Suchtpotential. Wir kennen Blätter von Jürgen Trautweins Hand, auf denen gesichtslose humanoide Gestalten mit aufgesetzten Kopfhörern in Schachteln sitzend mit Laptops hantieren und endlos Nullen und Einsen produzieren. In „pandorian tango“ – so der Titel einer Zeichnungsserie – ist die Büchse der Pandora zum traurigen Refugium vor der Realität mutiert. Eingekastelt in Boxes leben die virtuell verkümmerten Hominiden am wirklichen, analogen Leben vorbei. In der Serie „f…damachine“ geht letztere, die Maschine in Gestalt von Laptop oder Desktop, gar zum Angriff über. Aus einem Laptop beißt ein Hund nach dem Nerd; auf einem weiteren Blatt schnappt aus dem Monitor heraus eine robbenartige Bestie zu und hat den Schädel des Users mit dem furchterregenden Maul fest umklammert. Es geht, ganz offenbar, um Kopf und Kragen.



Dr. Hans-Dieter Fronz


Sunday, May 22, 2016

On an Inter-related Series of Line Drawings by Jurgen Trautwein - by Ronald F. Sauer



On an Inter-related Series of Line Drawings by Jurgen Trautwein:
“The Parade of the Zeros”




… the center can not hold,
the blood-dimmed tides are loosed,
and everywhere the ceremony of innocence
is drowned.
W. B Yeats


…everything from toy guns that spark
to flesh-colored Christs that glow in the dark;
it’s easy to see without looking too far
that not much is really sacred.
                        
Bob Dylan



I

nspired by Werner Heldt --an artist from the twilight of the Weimar Republic-- and Heldt’s drawing Der Aufmarsch der Nullen (or “The Parade of the Zeros”), Jurgen Trautwein has created an inter-related series of narrative line drawings which is a veritable iconography of man’s dilemma in relation to the modern capitalist state, a state whose secular and seemingly limitless material success has only served to reduce and isolate his spiritual essence by the ongoing commodification of culture. The day is looming, like the sword of Damocles, when a computer chip may be inserted under our skin that objectifies and reduces us strictly on the basis of how much and what we consume. Trautwein’s own series of drawings --“Aufmarsch” could have been drawn from the pages Wilhelm Reich’s The Mass Psychology of Fascism. Trautwein’s drawings concern themselves with the fragmentation of both our humanity and individuality.
    As an artist who himself came of age in the Berlin before the wall came down, these preoccupations with the complexity of the human heart are as totally natural to Trautwein as a duck alighting on the water of a pond. And thus in the drawings that concern the plight of the individual, Trautwein embraces the question with cartoon-like directness and with the vulnerability of a curious child, doing so despite the gravity of the matter at hand. Whereas someone like George Grosz (or many another German Expressionist) depicts the nightmare of the broken and afflicted post-war society from the outside-in, as it was manifest on-the-streets and in-your-face, Trautwein, as regards the individual, has internalized the dislocations of modern man, and we feel it now as a kind of childlike loneliness.
    “Friendly Fascism” (to use the idiom of Bertram Gross) has come a long and subtle way to pacify and infantilize us all, and now we float in a vacuum of powerless consumer success, the way we did as children in swimming pools, sustained and encircled by those blow-up plastic lifesavers with the little duck in front akin to the horn of a horse’s saddle. But the vast majority are not on the privileged ocean-liner. We’re stuck in a little private pool that’s called ‘an apartment’, afloat on the infinite metaphysical blue of morphine and the endless television possibilities, infantilized and contentedly alone, without much real community: suburbanized,  almost meeting each other as equals in supermarkets, expensive stadiums, impersonal train stations and endless highways.
    Trautwein’s deceptively simple drawings are psycho-philosophical reflections, not in a Hall of Mirrors à la Versailles where the rich and beautiful got to see themselves infinitely multiplied in their privileged self-importance, but instead in a Mirror of Hallways that go on and on, nowhere, like a giant and impersonal bureaucracy in a city of Kafka or di Chirico, flashlight-lit in the darkling gloom. You don’t expect to meet anyone there. And if you do, you don’t presume to introduce yourselves. On the one side we are driven inward like an only child, on the other we’re anonymous as in a crowd. Oh, look at all the lonely people!
    One may object that these are merely generalizations. Yes, but this is precisely how fascism takes root, binding people together by way of their rootlessness…



F

rom a purely aesthetic point of view, these black and white line drawings hover in the void between the comic and the tragic. Their very simplicity is beguiling. The roundness of the forms at first sight —this cult of the zero—begins like a baby, all round and soft. Their rotundity augurs well. The lines themselves don’t judge but are sympathetic. They indicate the vulnerability of modern mass man, the white trash that mass man is reduced to, blatantly objectified when not millionaires, famous or successful… (as if any of that could save us). But zeros themselves have ambitions all their own, still unbeknownst between themselves, for even unconsciously they would cohere.      In the early eleventh century the Italian mathematician Fibonacci introduced the Arabic decimal ‘zero’ into European accounting, and the Western World has never  been the same since. You can’t imagine higher math or even algebra with Roman Numerals. The zero itself is likely from Hindu India, that prototypical master of disengaged multiplicities. ‘Zeros’ have an antique pedigree all their own, hence unforgiving when overlooked.
    And so the zeros in Trautwein’s series assume many forms, bonding and recombining in multifarious ways: laterally, vertically, crablike, in pairs of two, in pairs of two while drinking beers, in drinking beers while holding flags. In one drawing, two men make do embracing one another --though with only two arms between them! Sometimes the ‘zeros’ eyes are beady and small like a stupid little bureaucrat, sometimes porcine, like a hungry pig. They’re T.V. pundits, pseudo-newsmen gripping a microphone, faceless without ears or eyes, and in the corner a surveillance camera points at them as well. The ‘pundits’ are well paid for they work for the invisible Man… This pundit has a head like a balloon and is happy to hold a balloon of himself, as if his leisure itself was that of an innocent child. And not far behind, there’s the preaching and censorious patriarchal Leader, beating the mob down with convictions to spare. And there are the little faceless, earless folk drinking from their steins of beer, tender and sheepy in their stupidity, drunk with their convenient simplicity, finally eager to cooperate, the dogs all well-trained at last and dependable… And in another drawing, the quiet in the crowd’s ‘zero mouths’ now becomes a harangue in the mouth of the Point Man who grinds and spews in the name of the bosses. This angry balloon raises its voice. Gone is the kindly poor blind balloon-seller of an earlier generation, seen in Fritz Lang’s “M” of 1930 or in Carol Reed’s “The Third Man” of 1949, itself a post-modern warning of Byzantine Real Politik.
    Yes, they’re all clearly numbered and accounted for, with their Hitlerian bar-code haircuts, just like a police line-up. Formerly, all were seated at their desks in school, all saying “present” when the teacher called the roll, even if they weren’t all there to begin with. (And where is “there”? And why should it be so?)
    These drawings are the visualization of Heidegger’s Geworfenheit (“thrown into being”) that landed in Max Weber’s stahlhartes Gehäuse (“iron cage”) and, in the face of capitalism’s numbing success, this is where we still remain stuck. Or, as in the words of The Doors “Into this world we’re thrown, like a dog without a bone, like an actor out on loan/ Riders on the storm...”

--Ronald F. Sauer














All drawings in pen and ink on letter-size paper, 2016

More drawings from the Aufmarsch der Nullen series

OVER_TOP Aufmarsch der Nullen exhibition @Galerie am Kelterberg Stuttgart